U(h)rheber im redaktionellen Tiefenrausch

Zürich. Samstagvormittag. Vor mir eine Tasse Kaffee. Bereits die zweite an diesem Tag. Daneben das Magazin des Tages-Anzeigers. Nicht zuletzt Trudy Müller-Bosshard hat einmal mehr ganze Arbeit geleistet. So liegt es nun also vor mir, das Magazin, und will auch geschlossen mit schönem Rücken verzücken.

«Die Uhr der Taucher». Dies der Titel der Insertion, die im Zusammenspiel mit einer aufwändig inszenierten, perfekt lithografierten Aufnahme und ergänzendem Lauftext die Aufmerksamkeit des Betrachters sucht. Ein Chronometer, der «höchste Massstäbe» setzt. Er soll «die erste Wahl für alle professionellen Taucher mit Stil» sein. So steht’s geschrieben. Weiss auf marine blue. Eine Uhr mit innovativer «Triplock-Aufzugskrone, die das Gehäuse so sicher verschliesst wie eine U-Boot-Luke». Fazit des U(h)rhebers: Damit ist sie «bis zu einer Tiefe von 300 Metern wasserdicht und gehört nicht nur zu den unverzichtbaren Bestandteilen einer Taucherausrüstung, sondern ermöglicht jedem Träger, die Faszination der Tiefe uneingeschränkt zu erleben».

Ende 2008 publizierte Dr. med. Achim Gonnermann eine Studie, in der unter anderem das Tauchverhalten von Sporttauchern näher beleuchtet wurde. Die im Rahmen der Studie ermittelte durchschnittliche maximale Tauchtiefe des Gesamtkollektivs betrug 56,7 Meter. Persönlich orientiere ich mich an den Empfehlungen der Tauchverbände. Und mit mir wohl das Gros aller Sporttaucher. Bei einer Tiefe von maximal 40 Metern ist Schluss. Ausnahmen bestätigen diese Regel nicht. Und dies hat seinen Grund.

Tacheles dazu auf tauchsport.de: «Je nach körperlicher Verfassung des Tauchers kann bereits ab einem Partialdruck von 3,2 Bar der Tiefenrausch auftreten. Dies entspricht bei Pressluftatmung einer Wassertiefe von rund 31 Metern. Beim Tiefenrausch wird wie beim Alkoholrausch die Tätigkeit der Synapsen beeinträchtigt. Nervenimpulse werden nur noch eingeschränkt weitergeleitet».

«Schuster, bleib bei deinem Leisten». Gemäss blueprints.de geht dieses Sprichwort auf eine griechische Anekdote zurück. Danach pflegte der grosse Maler der Antike Apelles, der zu Zeiten Alexanders des Grossen seine Werke öffentlich ausstellte, sich hinter diesen zu verstecken, um die Urteile der Betrachter zu hören. Als ein Schuhmacher laut anmerkte, dass den Schuhen auf dem Bild eine Öse fehle, fügte Apelles diese nachträglich hinzu. Als der Schuhmacher nun aber auch noch Kritik an den Schenkeln übte, wurde er von Apelles zurechtgewiesen: «Was über dem Schuh ist, kann der Schuster nicht beurteilen!».

Leinwände sind geduldig. Papier ist es auch. Was zu Apelles Zeiten galt, gilt noch immer. Auch für Texter, die sich von Zeit zu Zeit damit konfrontiert sehen, über Dinge schreiben zu dürfen oder schreiben zu müssen, von denen sie wenig oder gar keine Ahnung haben. Dann erscheint es klug und angebracht, sich mit der Sache erst einmal vertraut zu machen und erst in Folge zur Feder zu greifen. In diesem Sinne wünsche ich mir und allen Schreibenden, was sich auch Taucher unter ihresgleichen wünschen: «Gut Luft». Einen langen Atem, um den Themen, über die wir täglich schreiben, im Sinne der Sache auf den Grund zu gehen. Und ja, nicht selten liegt dieser tief!

Zurück zur Ausgangslage: Der publizierte Insertionstext des U(h)rhebers dürfte dennoch zielführend sein. Denn für die damit effektiv angesprochene Dialoggruppe, welche über die zum Erwerb des Edelprodukts nötige Kaufkraft verfügt, zählen ohnehin ganz andere Werte. Sie will eine Uhr tragen, die ihrem gehobenen Lebensstil Ausdruck verleiht. Die durchschnittliche, maximale Tauchtiefe dürfte dabei indes 300 Millimeter betragen.