Von Papageien und anderen Plappermäulern

Am 26. September wird der «Europäische Tag der Sprache» gefeiert. Ein Aktionstag, der der Wertschätzung aller Sprachen und Kulturen in Europa verpflichtet ist, der den Menschen die Vorteile von Sprachkenntnissen bewusst machen will und sie zum Lernen von Sprachen bewegen möchte. Ein unbestritten lobenswertes Ziel. Und ein nicht minder ehrgeiziges, wie der tägliche Umgang mit Sprache zeigt. 

Wie wichtig heute der Erwerb und die Fertigkeit zur Kommunikation in Fremdsprachen ist, zeigt sich eindrücklich im Berufsalltag. In einer global vernetzten Welt wird von ihren Akteuren erwartet, dass sie sich auf hohem Niveau in Wort und Schrift über die Sprachgrenzen hinaus untereinander austauschen und verständigen können. Wer international erfolgreich agieren will, der muss heute zwangsläufig in mehreren Sprachen kommunizieren können.

Sprache ist demnach Mittel zum Zweck. Sie ist ein System von Konventionen und Regeln, das den Mitgliedern einer Gemeinschaft als Werkzeug zur Verständigung dient bzw. dienen soll und kann. Und jede Sprache zeichnet sich durch eigene Konventionen und Regeln aus, die verstanden und verinnerlicht sein wollen, damit Kommunikation gelingen kann. Um aber verstanden zu werden, bedarf es weitaus mehr als den Systemkenntnissen einer Sprache. Nicht von ungefähr wird etwa innerhalb der Sprachwissenschaft zwischen einer Vielzahl von Teilgebieten unterschieden, die sich mit spezifischen Aspekten von Sprache befassen. So wird etwa zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, dem Zusammenhang zwischen Sprache und Denken, Sprache und Realität oder Sprache und Kultur unterschieden.

Wer kommuniziert, der möchte verstanden werden. Von Kindesbeinen an erleben wir, dass wir kommunizieren müssen, wenn wir Gehör finden wollen. Und dass wir dabei verständlich und in einer der jeweiligen Situation angemessenen Form kommunizieren müssen, um zu einem von uns angepeilten Ziel gelangen zu können. Die reine Anwendung einer Sprache unter Berücksichtigung ihrer normativen Aspekte reicht dafür nicht aus.

Vorkommnisse der jüngsten Zeit untermauern dies eindrücklich. Im Rahmen einer Debatte um die Macht des Wortes kritisierte unlängst Hans-Olaf Henkel, der ehemalige Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) etwa, dass kaum noch ein Wirtschaftsvertreter eine freie Rede halte. Dies könne ein solcher auch nicht mehr, da es sich dabei in der Regel nicht um seine Gedanken handeln würde. Oft hänge man andächtig an dessen Lippen, «um später feststellen zu müssen, dass er Gottfried Wilhelm Leibniz zwar zitierte, ihn aber für den Erfinder der Hannoveraner Kekse halte». (Quelle: vrds.de)

Als Kommunikationsdienstleister sehe ich mich in meinem Alltag nicht selten genau damit konfrontiert. Meine Auftraggeber suchen nach Wegen, um mit ihren Anliegen verständlich und in einer der jeweiligen Situation angemessenen Form bei ihren Dialoggruppen Gehör zu finden. Und weil sie dabei nichts dem Zufall überlassen wollen, wenden sie sich dann an mich. Als Kommunikationsfachmann soll ich sie kompetent dabei unterstützen, dass sie verstanden werden. In Wort und Bild, ganzheitlich und nachhaltig. Und ich wiederum bemühe mich im Rahmen meiner Möglichkeiten nach bestem Wissen und Gewissen genau darum.

Ein «Schön und gut» mit «Aber»: Der deutsche Dichter Christian Friedrich Hebbel hat es schon zu seiner Zeit treffend gesagt: «Die Sprache ist der Papagei des Gedankens, und ein schwer gelehriger, nichts weiter». Gemäss Hebbel sind demnach auch Kommunikationsdienstleiser nichts weiter als schwer gelehrige Papageien, die auf den Schultern ihrer Auftraggeber sitzen (und diese hoffentlich mit bunten Federn schmücken).

Und ja, er hat recht damit: Um im Auftrag eines Kunden und im Dienst seiner Dialoggruppen zielführend kommunizieren zu können, reicht die Berücksichtigung normativer Aspekte einer Sprache und die gekonnte Anwendung derselben nicht aus. Kommunikationsdienstleiser benötigen Raum und Zeit, um sich mit den Gedanken ihrer Kunden auseinandersetzen zu können, um sie zu verstehen und sie unter Berücksichtigung normativer und konventionaler Aspekte in eine Form giessen zu können, die ihnen entspricht und von ihren Dialoggruppen verstanden werden kann.

Aufgefallen? Der letzte Satz endet nicht dogmatisch. Als Papagei auf den Schultern ihrer Kunden können Kommunikationsdienstleiser lediglich zur Optimierung von deren Botschaften und Sendeleistung beitragen. Zumal ich tue dies im Bewusstsein, dass auch auf den Schultern der Empfänger ein Tier sitzt. Ein ebenfalls schwer gelehriges, welches darüber hinaus auch noch äusserst träge ist. Kein Papagei also, sondern wohl eher ein Faultier. Und dieses verrichtet – sofern es denn kein Nickerchen macht – seine Dienste als «Einflüsterer», wobei letzterer dabei nicht selten nuschelt.

Claude Elwood Shannon, der in Anlehnung an die Datenübertragungstechnik das kybernetische Kommunikationsmodell mitbegründet hat, bezeichnet dieses Nuscheln als Rauschen. Eine Sendung wird gemäss Shannon in der Regel von zahlreichen Störfaktoren begleitet, die dazu führen können, dass die übermittelte Botschaft beim Empfänger verzerrt ankommt. Und sie unterliegt im Rahmen der Aufnahme und Verarbeitung darüber hinaus dem Zutun des Empfängers, der dazu Bausteine verwendet, die nur teilweise vom Sender stammen. Diese Umstände führen dazu, dass die Botschaft vom Empfänger auch falsch oder missverstanden werden kann. Und dies unabhängig von ihrer ursprünglichen Qualität.

Als Kommunikationsdienstleister wünsche zumal ich mir, dass der «Europäische Tag der Sprache» in Zukunft noch vermehrt im Bewusstsein gefeiert wird, dass die Sprache ein Werkzeug ist, welches zur Verständigung zwischen Menschen und Kulturen beitragen kann. Sie ist aber kein Garant dafür, dass sich Menschen im Austausch untereinander auch tatsächlich verstehen.